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Literatur stehen. Gerne nehmen wir auch Ihre Anregungen
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Epoema – Das
europäische Gedicht
A-1130 Wien, Elßlergasse
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Epoema – the European poem
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Rezensionen/Reviews
Sideri-Speck, Dadi (Hg.): Fern von der dicht besiedelten Sprache. Griechische
Lyrik der Gegenwart. Aus dem Griechischen von Dadi Sideri-Speck.
Band 2. Köln: Romiosini 2006. (ISBN
3-929889-72-2)
Dieser Gedichtband ist die Fortsetzung des ersten von Dadi
Sideri-Speck herausgegebenen Gedichtbandes „Unter dem Gewicht
der Wörter" (Romiosini,
Köln 1999). Es finden sich darin vierzig Dichterinnen und
Dichter, von denen, mit wenigen Ausnahmen, die meisten
noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen sind. Da
den meisten deutschsprachigen LeserInnen diese AutorInnen
also nicht geläufig sind, sei hier die Gelegenheit ergriffen,
einige von ihnen zu nennen: Takis Varvitsiotis, Maria Kentrou-Agathopulou,
Arjyris Chionis, Jannis Patilis oder Maria Archimandritou.
Wenn man sich mit Literatur auseinandersetzt,
stellt sich natürlich immer die Frage, in wie weit das Produkt
des literarischen Schreibens ein hermetisches Konstrukt darstellt,
das sich mancher Leser/manche Leserin nicht erschließen kann.
Hat man es mit fremdsprachiger Literatur, insbesondere Lyrik,
zu tun, so drängt sich diese Frage natürlich noch mehr auf,
denn selbst die Übersetzung in die eigene Sprache mag den
Leser vielleicht nicht befähigen, alles zu verstehen. Auch
der Herausgeber dieser Anthologie verweist in seinem Vorwort
auf dieses komplexe Problem. Er schreibt jedoch auch, dass
er selbst davon abgekommen ist, Literatur danach zu interpretieren,
was uns der Autor vielleicht sagen will oder wie der biographische
Kontext und das Umfeld des Autors beschaffen sind. Vielmehr
spricht er sich für einen kreativen Umgang mit Lyrik aus.
Dieser kreative Umgang kann womöglich
einem Gedicht viel gerechter werden, er wäre mit einem Sich-Rückbesinnen
auf die Worte verbunden und damit auch mit einer Reflexion
der Tatsache, dass der Autor selbst nicht der Einzige ist,
der einem Text Bedeutung verleiht. Die Themen, die in diesem
vielseitgen Band behandelt werden, laden in jedem Fall dazu
ein, einen individuellen Zugang zu Texten wieder zuzulassen:
Liebe, Leid, Tod und letztlich auch das Schreiben darüber,
das Potential der dichterischen Worte, ihre Fähigkeit zu
bewahren, zu trösten, das Potential der ruhigen Worte des
Dichters, der Worte, die oftmals viel zu sagen vermögen in
einer laut gewordenen Welt.
Die Auswahl dieses Bandes zeigt, dass
es gegenwärtig auch sehr viele griechische Autoren und AutorInnen
gibt, die sich dem Schreiben widmen, wenngleich dies für
die Mehrheit heutiger Autoren/Autorinnen (insbesondere solcher,
die Lyrik verfassen) nichts mit dem noch immer in der Öffentlichkeit
kursierenden Bild des schöpferischen, weltberühmten Autors
zu tun hat. Auch die Tatsache, dass es trotzdem Verlage gibt,
die Lyrik verlegen, spricht dafür, dass seitens der Leserschaft
ein Interesse dafür besteht, und dass die Lyrik uns doch
noch viel zu sagen hat. Um es mit den Worten von Vassiliki
Nevrokopli zu sagen:
Ich sehne mich nach der Gesellschaft
der Dichter
Ihre schmalen Finger
auf dem ratlosen Papier [...]
Nach dem Klang ihrer Stimme sehne ich mich
Das Zögern das durch die Gespräche der Menschen verloren
gegangen ist
Nach dem Schweigen der Dichter sehne ich mich. [...]
(Vassiliki Nevrokopli: 14. 12. 2002.
In: Fern von der dicht besiedelten Sprache. S. 277.)
Sonja Thury
Galbraith, Iain (Hg.): 25 schottische Gedichte. Mit einem Vorwort von Iain Galbraith.
Übersetzungen von Franz Josef Czernin, Michael Donhauser,
Ulrike Draesner, Evelyn Schlag, Raoul Schrott, Peter Waterhouse
u. a.
Wien, Bozen: Folio Verlag 2006.
(Reihe Transfer LXX; ISBN-10:3-85256-346-1).
„Ein Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht" (S. 9). Mit dieser sehr eindringlichen Aussage leitet der Herausgeber, Iain
Galbraith, diese Anthologie ein. Worauf er damit sehr treffend
anspielt, ist, dass es sehr fraglich ist, ob es überhaupt
so etwas wie das deutsche oder auch das schottische Gedicht
gibt. Er hinterfragt, ob sich Charakteristika festmachen
ließen, die solch eine Unterscheidung rechtfertigen würden.
Als Alternative zu solch einer strikten, kategorisiernden
Definition von Literatur verweist er auf ein Konzept, das
sehr vielversprechend klingt und auch auf eine Öffnung der
eigenen Kategorien des Denkens hinzielt, nämlich auf die
„Muttersprache der Poesie" (S. 9), die den Ausgangspunkt aller Poesie darstellt und diese erst ermöglicht.
Wenngleich der Herausgeber also gewissermaßen
vorausschickt, dass es die schottische Poesie so vielleicht
nicht gibt, wird dennoch auch darauf verwiesen, dass man
es als Leser/in bisher eher schwer hatte, wenn man sich auf
der Suche nach Gedichten in schottischer Sprache/von schottischen
Autoren und Autorinnen befand. Diese Ausgabe leistet dem
entgegenwirkend einen Beitrag dazu, die Existenz lyrischer
Traditionen in Schottland ins Licht der Aufmerksamkeit zu
rücken. Die Anthologie beinhaltet Gedichte von schottischen
Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts und zum größten
Teil Beiträge zeitgenössischer Autoren und Autorinnen, wie
z. B. Kathleen Jamie, Richard Price oder Alastair Reid. Dies
scheint besonders erwähnenswert.
Was an diesem Band besonders ansprechend
ist, ist die Tatsache, dass der Leser/die Leserin zu jedem
Gedicht auch eine kleine Hilfestellung in Form einer deutschen
Übersetzung erhält. Diese benötigt man, wie der Herausgeber
im Vorwort bemerkt, auch, zumal die schottischen LyrikerInnen
sich auf eine dreigeteilte Tradition, die englischsprachige,
die schottischsprachige (genannt: Scots) und die gälische,
beziehen. So z. B. ist die Übersetzung von Tom Leonards Gedicht
Right Inuff und die Übersetzung von
RIGHT INUFF
right inuff
ma language is disgraceful
ma maw tellt mi
ma teacher tellt mi
thi doactir tellt mi [...]
in
EH SCHO WISSEN
eh scho wissen
mei sproch is a schaund
d mama hot ma s gsogt
mei lehra hot ma s gsogt
da dokta hot ma s gsogt [..] (S. 34/35 - übersetzt von Heidi
Prüger)
sehr originell und erhellend. Lesenswert
ist diese Anthologie also allemal. Sie zeigt dem Leser/der
Leserin, dass es auch dort Poesie gibt/gab, wo man sie vielleicht
nicht vermutet hätte. Darüber hinaus ist man auch dank der
Leistung der ÜbersetzerInnen in der Lage, in diese Texte
einzutauchen, und sich nicht „wie der sprichwörtliche Ochs
vorm Berg" (S. 11) zu fühlen.
Sonja Thury
Gedichte für Kinder. Zum Lesen und Vorlesen. Ausgewählt von Günter Stolzenberger,
mit farbigen Illustrationen von Claudia Weikert.
1. Auflage.
Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Taschenbuch Verlag 2004
(it 3067).
„Kinder lieben Gedichte. Es müssen nur die richtigen sein", so heißt es in der Buchinformation im Vorsatz des Bandes „Gedichte für Kinder", das 2004 im Insel Verlag erschienen ist.
Auf 147 Seiten finden sich Gedichte
für Kinder und zwar von Autorinnen und Autoren der Klassik
bis hin zu solchen der Gegenwart – Christian Morgenstern,
Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger
und Michael Ende, um nur einige zu nennen. Diese Vielzahl
von unterschiedlichen AutorInnen bringt auch eine Vielzahl
von verschiedenen Themen mit sich. Es geht um die Dinge und
Themen, die Kinder beschäftigen, und die zu ihrem Leben gehören.
Es gibt viel zu lachen – in zahlreichen Reimen, aber es finden
sich auch nachdenkliche und kritische Töne in diesem Band,
so z. B. in „Eine unwahre Geschichte" von Elisabeth Borchers. In diesem Gedicht geht es um einen, „der sagt immer:
Ich", also um einen, der die Mitmenschen um sich herum in seinem ganzen Egoismus
vergisst. Auch in „Der arme Kaspar" von Klabund werden ernstzunehmende Dinge thematisiert, das lyrische Ich fragt
sich, wo es eigentlich herkommt und wo es hingeht:
Ich geh - wohin?
Ich kam - woher?
Bin außen und inn,
Bin voll und leer.
Geboren - wo?
Erkoren - wann? [...]
Ich steh und fall,
Ich werde sein.
Ich bin ein All
Und bin allein.
Ich war. Ich bin. [...] (S. 131)
Letztlich denkt das lyrische Ich in
diesem Gedicht über grundlegende Fragen des Lebens nach und
stellt auch die Frage nach dem „warum". Wie in diesem Text zeigt sich in der Auswahl von Gedichten im ganzen Band,
dass die Lebensrealität von Kindern ernst genommen wird,
und dass ihnen als kleinen Menschen durchaus sehr viel zugetraut
wird. Kinder werden als kleine Individuen respektiert und
als LeserInnen angesprochen - und das nicht nur wegen der
Gedichte, sondern auch wegen der kreativen Illustrationen
von Claudia Weikert.
Alles in Allem ist es ein Gedichtband,
der zum Lachen und zum Nachdenken anregt. Er macht sehr viel
Lust auf das Lesen von Kindergedichten, die nicht nur für
Kinder spannend sind, und ist zu Recht in die Auswahl für
die schönsten Bücher 2005 gekommen.
Sonja Thury
Williams, Hugo: Dear Room.
London: Faber and Faber Limited
2006.
Hugo Williams wurde 1942 geboren und wuchs in Sussex auf. Er arbeitete lange
Zeit als Journalist u. a. für das London Magazine. Für sein
literarisches Schaffen erhielt er 1999 den T. S. Eliot Preis.
Auf dem Klappentext des Bandes heißt
es: „In poem after poem Hugo Williams joins a sense of things
missed and missing [...]". Dies erscheint besonders treffend, denn das lyrische Ich beschäftigt sich in
vielen Gedichten mit verlorenen und vermissten Dingen. In
manchen Texten wird die Präsenz von Erwünschtem noch genossen,
in manchen das Fehlen schon beklagt und die Erinnerung rekonstruiert.
Titel wie „Dear Room" oder „The Crazy Room" lassen vermuten, dass der Autor Orte/Räume und alltägliche Dinge zum Anlass
nimmt, um in Stimmungen und Erinnerungen einzutauchen. So
heißt es z. B. in „Dear Room":
„[...] You held us suspended
half-way between heaven and hell.
We climbed up into the fork
of our lookout tree
and kicked the ladder away. (S. 4)"
Auch der Leser/die Leserin kann eintauchen,
in intensive Bilder, in schöne Erinnerungen, letztlich geht
es auch um die Liebe, und in dieser muss man zumindestens
für Augenblicke nichts vermissen. Dies lassen zumindestens
dies die altbekannte Liedzeilen „I can see clearly now. I
can see all obstacles in my way", die bei Williams wieder auftauchen, vermuten. Doch wenn der Autor über Liebe
schreibt, schreibt er natürlich auch über Trennung, über
das Abwesende, über Dinge und Menschen, die nicht mehr da
sind und deren Erinnerung man nur noch erahnen kann. Für
den Leser/die Leserin hält dieser Band die Möglichkeit bereit,
an den Stimmungen des Autors und des lyrischen Ichs teilzuhaben
und einzutauchen in alltäglich scheinende Banalitäten, die
aber doch so bedeutsam sind, eben weil wir uns und unsere
Probleme mit dem Leben darin erkennen.
Sonja Thury
Hofbauer, Friedl: Traumfibel. Gedichte.
Wien: Bergland Verlag 1969 (Neue Dichtung
aus Österreich, Band 156).
Friedl Hofbauer ist eine Autorin, die bereits in den sechziger Jahren zahlreiche
Preise und Auszeichnungen für ihre Werke erhalten hat, zuletzt
wurde sie für ihr Lebenswerk 1999 mit dem Staatspreis für
Kinderlyrik ausgezeichnet. Doch nicht allein die Tatsache,
dass sie eine der wenigen AutorInnen ist, die über solch
einen langen Zeitraum das Feld das Literatur bereichern,
macht es zu einem Erlebnis, ihre Werke immer wieder zu lesen.
Friedl Hofbauer wurde am 19. Januar
1924 in Wien geboren, wo sie das Gymnasium und später die
Wiener Universität besuchte. Nach ihrem Germanistikstudium
war sie als Übersetzerin und freie Schriftstellerin tätig
und veröffentlichte 1960 ihren ersten (Ferdinand Raimund
gewidmeten) Roman Am End ist’s doch nur Phantasie. Zu ihren
Werken zählen neben Romanen, wie z. B. Die Insel der weißen
Magier. Ein Merlin-Roman (1987), Erzählungen, Hörspiele,
1968 wurde sie für Orpheus in der Oberwelt mit dem Hörspielpreis
des Österreichischen Rundfunks ausgezeichnet, und Lyrik sowohl
für Kinder, darunter z. B. Die Wippschaukel (1966), als auch
für Erwachsene.
Obwohl sie vor allem durch ihre Kinderliteratur
bekannt geworden ist, scheint es durchaus hinterfragbar eine
Kategorisierung von Kinder- und Erwachsenenliteratur vorzunehmen.
Dr. Norbert Griesmayer, der als Lektor für Neuere deutsche
Literatur und Fachdidaktik Deutsch an den Universitäten Wien
und Klagenfurt tätig ist, drückte es in seiner Laudatio anlässlich
der Verleihung des Staatspreises für Kinderlyrik am 21. November
1999 sehr treffend aus, als er meinte, Friedl Hofbauer schreibe
„Gedichte für Menschen“.
In ihrem Gedichtband Traumfibel offenbart sich dem/der Leser/in
Hofbauers eigener Zugang zu Sprache und auch ihre Fähigkeit
verschiedene Leser anzusprechen. Schon im Bezug auf ihre
Themenwahl zeigt sich die Besonderheit der Autorin – sie
schildert alltägliche Situationen/Alltagsrealitäten, und
das tut sie so gar nicht manieriert, vielmehr spürt man die
Klarheit der Schilderung und den Detailreichtum, die dennoch
dem Gesagten nicht minder Bedeutung verleihen und so Stimmungen
transportieren. Das lyrische Ich erlebt die Jahreszeiten,
es streift durch Straßen und Gassen – doch nicht nur das
– es erledigt auch Einkäufe und bewältigt Wohnungsumzüge.
Es sind letztlich die essentiellen Dinge des Lebens, die
zum Thema werden – das Leben selbst, die Entfremdung und
Angst vor der Welt, das Lieben und auch das Sterben. Neben
der Realität, die oftmals, ihrem Wesen entsprechend, bedrückend
erscheint, hat der/die Leser/in das Gefühl, dass dieser auch
einzelne Streiflichter von Hoffnung entgegenstehen, die vielleicht
auch in
den Bereich des Möglichen/Erträumten führen. Besonders in
ihren Liebesgedichten wird dies ganz deutlich, weil sie der
Liebe und deren Undefinierbarkeit/Unfassbarkeit durch ihre
einfühlsame Beschreibung gerecht wird:
Was könnte sie uns sein
Abschiednehmen
nicht von der Vergangenheit,
nicht von der Zukunft,
sondern vom Ungewissen,
um es zu behalten.
So wie ich dich liebe, ohne dich zu kennen
oder mich.
Wäre die Liebe nicht anders, als wir sie träumen,
immer anders,
und doch genau so, wie wir sie uns wünschen
in dem Augenblick, da sie uns faßt –
Wäre die Liebe nicht frei wie ein Vogel,
befiedert und mausernd und wieder befiedert,
was könnte sie uns sein … (S. 14)
Sonja Thury
 
Keller, Ursula; Rakusa, Ilma (Hrsg.): Europa schreibt. Was ist das Europäische
an den Literaturen Europas? Essays aus 33 europäischen Ländern.
(Hamburg, edition Körber-Stiftung
2003)
Sind wir als Österreicher in Österreich, so mögen wir das Etikett „Österreicher“
nicht als not-wendigerweise identitätsstiftend wahrnehmen.
Reisen wir hingegen nach Spanien, Polen oder in ein anderes
europäisches Land, so werden wir vermutlich, nach unserer
Herkunft gefragt, plötzlich zu ÖsterreicherInnen. Je weiter
wir uns von unserer eigens definierten Achse, so diese existiert,
wegbewegen, desto mehr stiftet uns unsere Bewegung dazu an,
über Identitäts-konstrukte nachzudenken. Wenn wir uns überhaupt
als Europäer und Europäerinnen definie-ren, so passiert dies
vermutlich erst in Afrika oder Australien angekommen. Doch
müssen wir eigentlich einen anderen Kontinent betreten, um
uns als zu Europa gehörig zu definieren? Und gibt es nicht
auch viele, die sich, nicht zuletzt aufgrund ökonomischer
und politischer Entwicklungen in der Europäischen Union,
gar bedroht oder befremdet von dem Konzept „Europa“ fühlen?
Eben jene kontroversen Aspekte hat
sich der Sammelband „Europa schreibt“, der von Ursula Keller
und Ilma Rakusa herausgegeben worden ist, zum Thema gemacht.
Er ist das Ergebnis eines Symposiums, das 2003 im Literaturhaus
in Hamburg stattgefunden hat, d. h. vor der großen EU-Erweiterung
im Jahre 2004. Dass sich die Beiträge auch als Kritik an
einem he-gemonialen politischen Diskurs lesen lassen, zeigt
sich daran, dass 33 renommierte AutorIn-nen aus 33 europäischen
Ländern, d. h. aus allen europäischen Ländern (mit Ausnahme
von Großbritannien, das abgesagt hat), teilgenommen haben.
Ergebnis dieses einwöchigen Zu-sammentreffens, das gewissermaßen
ein „Europe […] en miniature“ (S. 29) simuliert hat, sind
35 Essays, jeweils einer von den beiden Herausgeberinnen
und 33 von einzelnen AutorInnen, alle zu einem Thema, das,
so Ursula Keller, zu lange keines war und jetzt immer mehr
an Be-deutung gewinnt, „[d]enn das Projekt Europa braucht
seine Intellektuellen und Schriftsteller […], [w]enn [es]
mehr sein will als ein wirtschaftlich expandierender Interessenverband mit beschränkter politischer
Haftung“ (S. 10). Schließlich hat sich Europa in seiner Literatur,
„in [der es sich] erzählte […], [immer wieder] der Besonderheit
seiner Kultur vergewissert, seiner besonderen Weise, die
Welt anzuschauen und zu deuten“ (S. 14).
AutorInnen schreiben also über Europa,
sie schreiben über das, was sie selbst wahrnehmen und in
der historischen Vergangenheit wahrgenommen haben, d. h.
über das, was Europa für sie bedeutet und welche Rolle es
in ihren literarischen Werken spielt. Das Potpourri der Schreibenden
aus verschiedenen Ländern, von denen viele auch in ihrer
Biographie das Motiv des/der reisenden Kosmopoliten/in widerspiegeln,
erzeugt eine Vielfalt an unterschiedlichen Stimmen, die sowohl
die möglichen Stärken und Potentiale eines gemeinsamen Europa
als auch seine Schwächen reflektieren. Wir lesen sowohl von
einem Europa, das sich als Ort der Pluralität begreift, als,
wie die bulgarische Lyrikerin Mirela Ivanova schreibt, „guter
Platz für die Existenz von Parallelwelten […], nicht ein
Kontinent, sondern ein Staat des Geistes und der Worte“ (S.
24, 25). - Ein Ort also, der sich auf seinen eigentlichen
Reichtum, auf die „ge-wachsene Vielfalt und Verschiedenheit
seiner Kulturen und Sprachen, seiner Lebensformen und Mentalitäten“
(S. 16), besinnt, der die globale Nivellierung dieser Differenzen auch als Beschneidung
begreift, und der sich, „statt im Sog zielloser Dynamik und
blinder Beschleuni-gung zu handeln“, „die Zeit zu denken
nimmt“ (S. 27).
Doch auch kritischere, desillusionierende
Stimmen können wir als LeserInnen vernehmen, dann, wenn von
einem Europa die Rede ist, das offene, durchlässige Identitätskonstrukte
ne-giert, und das statt Verheißung auch ein großes Maß an
Enttäuschung mit sich bringt, da es ein „Europa A und [ein]
Europa B“ (S. 22) impliziert, wobei der Westen oftmals durch
ein Fenster auf das Andere/den Osten schielt und das Zusammentreffen
Einzelner von Stereoty-pen und schiefen Erwartungen bestimmt
ist. So reflektiert z. B. der Essayist und Lyriker Mir-cea
Cărtărescu, dass er es leid sei, „im Westen als Rumäne vom
Dienst herumgereicht zu werden, als osteuropäischer Autor
mit vom Westen diktierten Zuständigkeiten“ (S. 23). Spür-bar
ist in vielen Beiträgen dieses Bandes demnach auch eine Ablehnung
von nationalen oder ethnischen (Identitäts-)Zuschreibungen,
da diese in einer zunehmend mobiler und globaler gewordenen
Welt an Gültigkeit einbußen und neuen Konzepten weichen müssen.
In seiner Komplexität und in seinem
Facettenreichtum bildet dieser Sammelband den Mythos Europa,
der in der Realität vielfach „hinter seinen großen Versprechen:
Vergeistigung, Hu-manität, Zivilisation [und] Demokratie“
(S. 25) zurückgeblieben ist, ab. Abseits eines ideali-sierenden
Abbilds sind unterschiedliche Zwischentöne vernehmbar. Diese
könnten letztlich auch als Appell an uns LeserInnen verstanden
werden, dass wir uns, nicht nur als Schriftstel-ler, zutrauen
sollten, uns in die Lage (zurück)zuversetzen, in der wir
unseren eigenen Hand-lungsspielraum nicht abschreiben, denn
„Wir schreiben uns selbst. Wir schreiben Europa“ (S. 20).
Sonja Thury
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