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„Epoema – Das europäische Gedicht" ist eine Initiative für das europäische Gedicht und ein Beitrag zu einer gemeinsamen, solidarischen und friedvollen Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft und „alten“ und „neuen“ Mitgliedstaaten und ihrer Bürgerinnen und Bürger.

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Grafik Rezensionen von Epoema - Das europäische Gedicht

Hier finden Sie fallweise Rezensionen von Büchern, die im Zusammenhang mit europäischer Literatur stehen. Gerne nehmen wir auch Ihre Anregungen und Vorschläge dazu entgegen. Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn Sie uns darüber hinaus eigene Rezensionen schicken möchten. Ihr email erreicht uns.

Epoema – Das europäische Gedicht
A-1130 Wien, Elßlergasse 17
Tel. +43 (0)1 877 04 26
Fax +43 (0)1 876 40 04

 

Here you can read reviews of books which discuss or deal with european literature. We would be glad to receive your suggestions and proposals concerning these. Moreover we would also be delighted, if you would like to send us further reviews. Your email will reach us.

Epoema – the European poem
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Rezensionen/Reviews

Sideri-Speck, Dadi (Hg.): Fern von der dicht besiedelten Sprache. Griechische Lyrik der Gegenwart. Aus dem Griechischen von Dadi Sideri-Speck.

Band 2. Köln: Romiosini 2006. (ISBN 3-929889-72-2)

Dieser Gedichtband ist die Fortsetzung des ersten von Dadi Sideri-Speck herausgegebenen Gedichtbandes „Unter dem Gewicht der Wörter" (Romiosini, Köln 1999). Es finden sich darin vierzig Dichterinnen und Dichter, von denen, mit wenigen Ausnahmen, die meisten noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen sind. Da den meisten deutschsprachigen LeserInnen diese AutorInnen also nicht geläufig sind, sei hier die Gelegenheit ergriffen, einige von ihnen zu nennen: Takis Varvitsiotis, Maria Kentrou-Agathopulou, Arjyris Chionis, Jannis Patilis oder Maria Archimandritou.

Wenn man sich mit Literatur auseinandersetzt, stellt sich natürlich immer die Frage, in wie weit das Produkt des literarischen Schreibens ein hermetisches Konstrukt darstellt, das sich mancher Leser/manche Leserin nicht erschließen kann. Hat man es mit fremdsprachiger Literatur, insbesondere Lyrik, zu tun, so drängt sich diese Frage natürlich noch mehr auf, denn selbst die Übersetzung in die eigene Sprache mag den Leser vielleicht nicht befähigen, alles zu verstehen. Auch der Herausgeber dieser Anthologie verweist in seinem Vorwort auf dieses komplexe Problem. Er schreibt jedoch auch, dass er selbst davon abgekommen ist, Literatur danach zu interpretieren, was uns der Autor vielleicht sagen will oder wie der biographische Kontext und das Umfeld des Autors beschaffen sind. Vielmehr spricht er sich für einen kreativen Umgang mit Lyrik aus.

Dieser kreative Umgang kann womöglich einem Gedicht viel gerechter werden, er wäre mit einem Sich-Rückbesinnen auf die Worte verbunden und damit auch mit einer Reflexion der Tatsache, dass der Autor selbst nicht der Einzige ist, der einem Text Bedeutung verleiht. Die Themen, die in diesem vielseitgen Band behandelt werden, laden in jedem Fall dazu ein, einen individuellen Zugang zu Texten wieder zuzulassen: Liebe, Leid, Tod und letztlich auch das Schreiben darüber, das Potential der dichterischen Worte, ihre Fähigkeit zu bewahren, zu trösten, das Potential der ruhigen Worte des Dichters, der Worte, die oftmals viel zu sagen vermögen in einer laut gewordenen Welt.

Die Auswahl dieses Bandes zeigt, dass es gegenwärtig auch sehr viele griechische Autoren und AutorInnen gibt, die sich dem Schreiben widmen, wenngleich dies für die Mehrheit heutiger Autoren/Autorinnen (insbesondere solcher, die Lyrik verfassen) nichts mit dem noch immer in der Öffentlichkeit kursierenden Bild des schöpferischen, weltberühmten Autors zu tun hat. Auch die Tatsache, dass es trotzdem Verlage gibt, die Lyrik verlegen, spricht dafür, dass seitens der Leserschaft ein Interesse dafür besteht, und dass die Lyrik uns doch noch viel zu sagen hat. Um es mit den Worten von Vassiliki Nevrokopli zu sagen:

Ich sehne mich nach der Gesellschaft der Dichter
Ihre schmalen Finger
auf dem ratlosen Papier [...]
Nach dem Klang ihrer Stimme sehne ich mich
Das Zögern das durch die Gespräche der Menschen verloren gegangen ist
Nach dem Schweigen der Dichter sehne ich mich. [...]

(Vassiliki Nevrokopli: 14. 12. 2002. In: Fern von der dicht besiedelten Sprache. S. 277.)

Sonja Thury

 

Galbraith, Iain (Hg.): 25 schottische Gedichte. Mit einem Vorwort von Iain Galbraith. Übersetzungen von Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Ulrike Draesner, Evelyn Schlag, Raoul Schrott, Peter Waterhouse u. a.

Wien, Bozen: Folio Verlag 2006. (Reihe Transfer LXX; ISBN-10:3-85256-346-1).

„Ein Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht" (S. 9). Mit dieser sehr eindringlichen Aussage leitet der Herausgeber, Iain Galbraith, diese Anthologie ein. Worauf er damit sehr treffend anspielt, ist, dass es sehr fraglich ist, ob es überhaupt so etwas wie das deutsche oder auch das schottische Gedicht gibt. Er hinterfragt, ob sich Charakteristika festmachen ließen, die solch eine Unterscheidung rechtfertigen würden. Als Alternative zu solch einer strikten, kategorisiernden Definition von Literatur verweist er auf ein Konzept, das sehr vielversprechend klingt und auch auf eine Öffnung der eigenen Kategorien des Denkens hinzielt, nämlich auf die „Muttersprache der Poesie" (S. 9), die den Ausgangspunkt aller Poesie darstellt und diese erst ermöglicht.

Wenngleich der Herausgeber also gewissermaßen vorausschickt, dass es die schottische Poesie so vielleicht nicht gibt, wird dennoch auch darauf verwiesen, dass man es als Leser/in bisher eher schwer hatte, wenn man sich auf der Suche nach Gedichten in schottischer Sprache/von schottischen Autoren und Autorinnen befand. Diese Ausgabe leistet dem entgegenwirkend einen Beitrag dazu, die Existenz lyrischer Traditionen in Schottland ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. Die Anthologie beinhaltet Gedichte von schottischen Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts und zum größten Teil Beiträge zeitgenössischer Autoren und Autorinnen, wie z. B. Kathleen Jamie, Richard Price oder Alastair Reid. Dies scheint besonders erwähnenswert.

Was an diesem Band besonders ansprechend ist, ist die Tatsache, dass der Leser/die Leserin zu jedem Gedicht auch eine kleine Hilfestellung in Form einer deutschen Übersetzung erhält. Diese benötigt man, wie der Herausgeber im Vorwort bemerkt, auch, zumal die schottischen LyrikerInnen sich auf eine dreigeteilte Tradition, die englischsprachige, die schottischsprachige (genannt: Scots) und die gälische, beziehen. So z. B. ist die Übersetzung von Tom Leonards Gedicht Right Inuff und die Übersetzung von

RIGHT INUFF

right inuff
ma language is disgraceful

ma maw tellt mi
ma teacher tellt mi
thi doactir tellt mi [...]

in

EH SCHO WISSEN

eh scho wissen
mei sproch is a schaund

d mama hot ma s gsogt
mei lehra hot ma s gsogt
da dokta hot ma s gsogt [..] (S. 34/35 - übersetzt von Heidi Prüger)

sehr originell und erhellend. Lesenswert ist diese Anthologie also allemal. Sie zeigt dem Leser/der Leserin, dass es auch dort Poesie gibt/gab, wo man sie vielleicht nicht vermutet hätte. Darüber hinaus ist man auch dank der Leistung der ÜbersetzerInnen in der Lage, in diese Texte einzutauchen, und sich nicht „wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg" (S. 11) zu fühlen.

Sonja Thury

 

Gedichte für Kinder. Zum Lesen und Vorlesen. Ausgewählt von Günter Stolzenberger, mit farbigen Illustrationen von Claudia Weikert.

1. Auflage. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Taschenbuch Verlag 2004 (it 3067).

„Kinder lieben Gedichte. Es müssen nur die richtigen sein", so heißt es in der Buchinformation im Vorsatz des Bandes „Gedichte für Kinder", das 2004 im Insel Verlag erschienen ist.

Auf 147 Seiten finden sich Gedichte für Kinder und zwar von Autorinnen und Autoren der Klassik bis hin zu solchen der Gegenwart – Christian Morgenstern, Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger und Michael Ende, um nur einige zu nennen. Diese Vielzahl von unterschiedlichen AutorInnen bringt auch eine Vielzahl von verschiedenen Themen mit sich. Es geht um die Dinge und Themen, die Kinder beschäftigen, und die zu ihrem Leben gehören. Es gibt viel zu lachen – in zahlreichen Reimen, aber es finden sich auch nachdenkliche und kritische Töne in diesem Band, so z. B. in „Eine unwahre Geschichte" von Elisabeth Borchers. In diesem Gedicht geht es um einen, „der sagt immer: Ich", also um einen, der die Mitmenschen um sich herum in seinem ganzen Egoismus vergisst. Auch in „Der arme Kaspar" von Klabund werden ernstzunehmende Dinge thematisiert, das lyrische Ich fragt sich, wo es eigentlich herkommt und wo es hingeht:

Ich geh - wohin?
Ich kam - woher?
Bin außen und inn,
Bin voll und leer.
Geboren - wo?
Erkoren - wann? [...]
Ich steh und fall,
Ich werde sein.
Ich bin ein All
Und bin allein.
Ich war. Ich bin. [...] (S. 131)

Letztlich denkt das lyrische Ich in diesem Gedicht über grundlegende Fragen des Lebens nach und stellt auch die Frage nach dem „warum". Wie in diesem Text zeigt sich in der Auswahl von Gedichten im ganzen Band, dass die Lebensrealität von Kindern ernst genommen wird, und dass ihnen als kleinen Menschen durchaus sehr viel zugetraut wird. Kinder werden als kleine Individuen respektiert und als LeserInnen angesprochen - und das nicht nur wegen der Gedichte, sondern auch wegen der kreativen Illustrationen von Claudia Weikert.

Alles in Allem ist es ein Gedichtband, der zum Lachen und zum Nachdenken anregt. Er macht sehr viel Lust auf das Lesen von Kindergedichten, die nicht nur für Kinder spannend sind, und ist zu Recht in die Auswahl für die schönsten Bücher 2005 gekommen.

Sonja Thury

 

Williams, Hugo: Dear Room.

London: Faber and Faber Limited 2006.

Hugo Williams wurde 1942 geboren und wuchs in Sussex auf. Er arbeitete lange Zeit als Journalist u. a. für das London Magazine. Für sein literarisches Schaffen erhielt er 1999 den T. S. Eliot Preis.

Auf dem Klappentext des Bandes heißt es: „In poem after poem Hugo Williams joins a sense of things missed and missing [...]". Dies erscheint besonders treffend, denn das lyrische Ich beschäftigt sich in vielen Gedichten mit verlorenen und vermissten Dingen. In manchen Texten wird die Präsenz von Erwünschtem noch genossen, in manchen das Fehlen schon beklagt und die Erinnerung rekonstruiert. Titel wie „Dear Room" oder „The Crazy Room" lassen vermuten, dass der Autor Orte/Räume und alltägliche Dinge zum Anlass nimmt, um in Stimmungen und Erinnerungen einzutauchen. So heißt es z. B. in „Dear Room":

„[...] You held us suspended
half-way between heaven and hell.
We climbed up into the fork
of our lookout tree
and kicked the ladder away. (S. 4)"

Auch der Leser/die Leserin kann eintauchen, in intensive Bilder, in schöne Erinnerungen, letztlich geht es auch um die Liebe, und in dieser muss man zumindestens für Augenblicke nichts vermissen. Dies lassen zumindestens dies die altbekannte Liedzeilen „I can see clearly now. I can see all obstacles in my way", die bei Williams wieder auftauchen, vermuten. Doch wenn der Autor über Liebe schreibt, schreibt er natürlich auch über Trennung, über das Abwesende, über Dinge und Menschen, die nicht mehr da sind und deren Erinnerung man nur noch erahnen kann. Für den Leser/die Leserin hält dieser Band die Möglichkeit bereit, an den Stimmungen des Autors und des lyrischen Ichs teilzuhaben und einzutauchen in alltäglich scheinende Banalitäten, die aber doch so bedeutsam sind, eben weil wir uns und unsere Probleme mit dem Leben darin erkennen.

Sonja Thury

 

Hofbauer, Friedl: Traumfibel. Gedichte.

Wien: Bergland Verlag 1969 (Neue Dichtung aus Österreich, Band 156).

Friedl Hofbauer ist eine Autorin, die bereits in den sechziger Jahren zahlreiche Preise und Auszeichnungen für ihre Werke erhalten hat, zuletzt wurde sie für ihr Lebenswerk 1999 mit dem Staatspreis für Kinderlyrik ausgezeichnet. Doch nicht allein die Tatsache, dass sie eine der wenigen AutorInnen ist, die über solch einen langen Zeitraum das Feld das Literatur bereichern, macht es zu einem Erlebnis, ihre Werke immer wieder zu lesen.

Friedl Hofbauer wurde am 19. Januar 1924 in Wien geboren, wo sie das Gymnasium und später die Wiener Universität besuchte. Nach ihrem Germanistikstudium war sie als Übersetzerin und freie Schriftstellerin tätig und veröffentlichte 1960 ihren ersten (Ferdinand Raimund gewidmeten) Roman Am End ist’s doch nur Phantasie. Zu ihren Werken zählen neben Romanen, wie z. B. Die Insel der weißen Magier. Ein Merlin-Roman (1987), Erzählungen, Hörspiele, 1968 wurde sie für Orpheus in der Oberwelt mit dem Hörspielpreis des Österreichischen Rundfunks ausgezeichnet, und Lyrik sowohl für Kinder, darunter z. B. Die Wippschaukel (1966), als auch für Erwachsene.

Obwohl sie vor allem durch ihre Kinderliteratur bekannt geworden ist, scheint es durchaus hinterfragbar eine Kategorisierung von Kinder- und Erwachsenenliteratur vorzunehmen. Dr. Norbert Griesmayer, der als Lektor für Neuere deutsche Literatur und Fachdidaktik Deutsch an den Universitäten Wien und Klagenfurt tätig ist, drückte es in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Staatspreises für Kinderlyrik am 21. November 1999 sehr treffend aus, als er meinte, Friedl Hofbauer schreibe „Gedichte für Menschen“.
In ihrem Gedichtband Traumfibel offenbart sich dem/der Leser/in Hofbauers eigener Zugang zu Sprache und auch ihre Fähigkeit verschiedene Leser anzusprechen. Schon im Bezug auf ihre Themenwahl zeigt sich die Besonderheit der Autorin – sie schildert alltägliche Situationen/Alltagsrealitäten, und das tut sie so gar nicht manieriert, vielmehr spürt man die Klarheit der Schilderung und den Detailreichtum, die dennoch dem Gesagten nicht minder Bedeutung verleihen und so Stimmungen transportieren. Das lyrische Ich erlebt die Jahreszeiten, es streift durch Straßen und Gassen – doch nicht nur das – es erledigt auch Einkäufe und bewältigt Wohnungsumzüge. Es sind letztlich die essentiellen Dinge des Lebens, die zum Thema werden – das Leben selbst, die Entfremdung und Angst vor der Welt, das Lieben und auch das Sterben. Neben der Realität, die oftmals, ihrem Wesen entsprechend, bedrückend erscheint, hat der/die Leser/in das Gefühl, dass dieser auch einzelne Streiflichter von Hoffnung entgegenstehen, die vielleicht auch in den Bereich des Möglichen/Erträumten führen. Besonders in ihren Liebesgedichten wird dies ganz deutlich, weil sie der Liebe und deren Undefinierbarkeit/Unfassbarkeit durch ihre einfühlsame Beschreibung gerecht wird:

Was könnte sie uns sein

Abschiednehmen
nicht von der Vergangenheit,
nicht von der Zukunft,
sondern vom Ungewissen,
um es zu behalten.
So wie ich dich liebe, ohne dich zu kennen
oder mich.
Wäre die Liebe nicht anders, als wir sie träumen,
immer anders,
und doch genau so, wie wir sie uns wünschen
in dem Augenblick, da sie uns faßt –
Wäre die Liebe nicht frei wie ein Vogel,
befiedert und mausernd und wieder befiedert,
was könnte sie uns sein … (S. 14)

Sonja Thury

Text Ende

Buchumschlag Europa schreibt, edition Körber-Stiftung

Keller, Ursula; Rakusa, Ilma (Hrsg.): Europa schreibt. Was ist das Europäische an den Literaturen Europas? Essays aus 33 europäischen Ländern.

(Hamburg, edition Körber-Stiftung 2003)

Sind wir als Österreicher in Österreich, so mögen wir das Etikett „Österreicher“ nicht als not-wendigerweise identitätsstiftend wahrnehmen. Reisen wir hingegen nach Spanien, Polen oder in ein anderes europäisches Land, so werden wir vermutlich, nach unserer Herkunft gefragt, plötzlich zu ÖsterreicherInnen. Je weiter wir uns von unserer eigens definierten Achse, so diese existiert, wegbewegen, desto mehr stiftet uns unsere Bewegung dazu an, über Identitäts-konstrukte nachzudenken. Wenn wir uns überhaupt als Europäer und Europäerinnen definie-ren, so passiert dies vermutlich erst in Afrika oder Australien angekommen. Doch müssen wir eigentlich einen anderen Kontinent betreten, um uns als zu Europa gehörig zu definieren? Und gibt es nicht auch viele, die sich, nicht zuletzt aufgrund ökonomischer und politischer Entwicklungen in der Europäischen Union, gar bedroht oder befremdet von dem Konzept „Europa“ fühlen?

Eben jene kontroversen Aspekte hat sich der Sammelband „Europa schreibt“, der von Ursula Keller und Ilma Rakusa herausgegeben worden ist, zum Thema gemacht. Er ist das Ergebnis eines Symposiums, das 2003 im Literaturhaus in Hamburg stattgefunden hat, d. h. vor der großen EU-Erweiterung im Jahre 2004. Dass sich die Beiträge auch als Kritik an einem he-gemonialen politischen Diskurs lesen lassen, zeigt sich daran, dass 33 renommierte AutorIn-nen aus 33 europäischen Ländern, d. h. aus allen europäischen Ländern (mit Ausnahme von Großbritannien, das abgesagt hat), teilgenommen haben. Ergebnis dieses einwöchigen Zu-sammentreffens, das gewissermaßen ein „Europe […] en miniature“ (S. 29) simuliert hat, sind 35 Essays, jeweils einer von den beiden Herausgeberinnen und 33 von einzelnen AutorInnen, alle zu einem Thema, das, so Ursula Keller, zu lange keines war und jetzt immer mehr an Be-deutung gewinnt, „[d]enn das Projekt Europa braucht seine Intellektuellen und Schriftsteller […], [w]enn [es] mehr sein will als ein wirtschaftlich expandierender Interessenverband mit beschränkter politischer Haftung“ (S. 10). Schließlich hat sich Europa in seiner Literatur, „in [der es sich] erzählte […], [immer wieder] der Besonderheit seiner Kultur vergewissert, seiner besonderen Weise, die Welt anzuschauen und zu deuten“ (S. 14).

AutorInnen schreiben also über Europa, sie schreiben über das, was sie selbst wahrnehmen und in der historischen Vergangenheit wahrgenommen haben, d. h. über das, was Europa für sie bedeutet und welche Rolle es in ihren literarischen Werken spielt. Das Potpourri der Schreibenden aus verschiedenen Ländern, von denen viele auch in ihrer Biographie das Motiv des/der reisenden Kosmopoliten/in widerspiegeln, erzeugt eine Vielfalt an unterschiedlichen Stimmen, die sowohl die möglichen Stärken und Potentiale eines gemeinsamen Europa als auch seine Schwächen reflektieren. Wir lesen sowohl von einem Europa, das sich als Ort der Pluralität begreift, als, wie die bulgarische Lyrikerin Mirela Ivanova schreibt, „guter Platz für die Existenz von Parallelwelten […], nicht ein Kontinent, sondern ein Staat des Geistes und der Worte“ (S. 24, 25). - Ein Ort also, der sich auf seinen eigentlichen Reichtum, auf die „ge-wachsene Vielfalt und Verschiedenheit seiner Kulturen und Sprachen, seiner Lebensformen und Mentalitäten“ (S. 16), besinnt, der die globale Nivellierung dieser Differenzen auch als Beschneidung begreift, und der sich, „statt im Sog zielloser Dynamik und blinder Beschleuni-gung zu handeln“, „die Zeit zu denken nimmt“ (S. 27).

Doch auch kritischere, desillusionierende Stimmen können wir als LeserInnen vernehmen, dann, wenn von einem Europa die Rede ist, das offene, durchlässige Identitätskonstrukte ne-giert, und das statt Verheißung auch ein großes Maß an Enttäuschung mit sich bringt, da es ein „Europa A und [ein] Europa B“ (S. 22) impliziert, wobei der Westen oftmals durch ein Fenster auf das Andere/den Osten schielt und das Zusammentreffen Einzelner von Stereoty-pen und schiefen Erwartungen bestimmt ist. So reflektiert z. B. der Essayist und Lyriker Mir-cea Cărtărescu, dass er es leid sei, „im Westen als Rumäne vom Dienst herumgereicht zu werden, als osteuropäischer Autor mit vom Westen diktierten Zuständigkeiten“ (S. 23). Spür-bar ist in vielen Beiträgen dieses Bandes demnach auch eine Ablehnung von nationalen oder ethnischen (Identitäts-)Zuschreibungen, da diese in einer zunehmend mobiler und globaler gewordenen Welt an Gültigkeit einbußen und neuen Konzepten weichen müssen.

In seiner Komplexität und in seinem Facettenreichtum bildet dieser Sammelband den Mythos Europa, der in der Realität vielfach „hinter seinen großen Versprechen: Vergeistigung, Hu-manität, Zivilisation [und] Demokratie“ (S. 25) zurückgeblieben ist, ab. Abseits eines ideali-sierenden Abbilds sind unterschiedliche Zwischentöne vernehmbar. Diese könnten letztlich auch als Appell an uns LeserInnen verstanden werden, dass wir uns, nicht nur als Schriftstel-ler, zutrauen sollten, uns in die Lage (zurück)zuversetzen, in der wir unseren eigenen Hand-lungsspielraum nicht abschreiben, denn „Wir schreiben uns selbst. Wir schreiben Europa“ (S. 20).


Sonja Thury

Text Ende

 

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