Frohe Weihnachten!
(2006)
Wir alle warten auf die Stille, die in die Welt tritt, wenn der erste Schnee
fällt. Und auf einige Tage der inneren Besinnung, der öffentlichen
Ruhe und der langsameren Tage. Wenn Lyrik eine Zeit hat,
dann sicher zu den Festtagen und zum Jahreswechsel. In diesem
Sinne wünschen wir Ihnen allen frohe Festtage und einen guten
Rutsch!
Epoema – Das europäische Gedicht
Seasons Greetings!
(2006)
We are all waiting for the silence
that will come into the world when the first snow starts
to fall. And we are all longing for some days of inner reflection
and silence and for a few days of slower passing time. If
there really exists a special time for poetry, then of course
we will find it on high days and holidays and on the turn
of the year. Therefore we wish you all wonderful holidays
and a happy new year!
Epoema – The european poem

Der 1. Mai 2006 oder
„Böhmen liegt am Meer ..."
… ist eine der bekanntesten Zeilen
aus Ingeborg Bachmanns berühmtem Gedicht „Böhmen am Meer". Sie hat sich darin mit dem Begriff und dem Verständnis von Heimat auseinandergesetzt.
Sprache war dabei für Ingeborg Bachmann eine Art, die Welt
zu benennen. Die Fähigkeit der Benennung ist der Raum der
Freiheit. Das heißt aber nicht, dass die Freiheit der Sprache
notwendigerweise auch die Freiheit in der Gesellschaft bedeutet.
Und es ist heute um einiges schwerer geworden, ein Verständnis
von „Heimat" zu entwickeln, das nicht alten, überkommenen Traditionen verhaftet ist, oder
gar ein neues Verständnis von „Zuhause" zu entwickeln. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die TschechInnen
gern von „doma", eben „zu Hause" sprechen, wenn es um Heimat geht. Das sollte uns eigentlich daran erinnern,
viel stärker auf das zu achten und zu hören, was unsere alten
und neuen Nachbarländer uns geben können.
Heute, zwei Jahre nach der großen
Erweiterung der EU, fällt es aber um so schwerer, an das
große Projekt eines friedlichen, solidarischen und die Bedürfnisse
und Interessen aller Menschen bedenkenden, gemeinsamen „Zuhause" zu glauben. Zu stark herrschen in Europa Sozialabbau und aggressive Wirtschaftspolitik
nach innen und restriktive Handelspolitik nach außen vor.
Die zahlreichen rechten und rechtskonservativen Tendenzen
im „alten" Europa, die grassierende, von sich „europäisch" gebenden Fundamentalisten geschürte Fremdenfeindlichkeit, der Zerfall gewerkschaftlicher
Strukturen in Österreich und das Ausgeliefertsein linker
wie bürgerlicher Politik angesichts der Wirtschaftskrise
in den neuen Mitgliedsländern sind nur einige Indizien dieser
Entwicklung. Amerikanische Politologen sprechen inzwischen
davon, dass der Zerfallsprozess der Europäischen Gemeinschaft
spätestens in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts zu
einem Auseinanderbrechen unserer Staatengemeinschaft führen
wird.
Die Revolte gegen das neue Beschäftigungsgesetz
in Frankreich, der Ausgang der Wahlen in Italien, der selbst
vom aufgeklärten Bürgertum und der Wirtschaft begrüßt wurde,
oder die Bemühungen um die Integration so genannter illegaler
Einwanderer in Spanien sind auf der anderen Seite Anzeichen
dafür, dass auch eine andere Entwicklung nicht nur möglich
ist, sondern in Ansätzen versucht wird.
Und hier stellt sich für uns die Frage:
Kann denn Lyrik in der komplizierten, konfliktreichen, sich
rapide verändernden Welt des 21. Jahrhunderts überhaupt irgendjemandem
eine Hilfe sein? Kann Lyrik ein Trost sein? Kann Lyrik eine
Perspektive bieten?
Wir sagen: Ja! Weil Lyrik die Menschen
dazu bewegen kann, über sich und ihre Umwelt nachzudenken,
weil Lyrik helfen kann, die Welt und das Leben besser zu
verstehen, weil Lyrik die Türen aufstoßen kann zu neuen Gedanken
und Vorstellungen, weil Lyrik die düsteren Wolken über uns
aufreißen kann.
Deshalb stellen wir uns und Ihnen
auch im neuen Jahr von „Epoema - Das europäische Gedicht" die Frage: Wo ist Ihr Zuhause? Ingeborg Bachmann hat über ihr „Böhmen am Meer" gesprochen. Wie antworten Sie?

The
1st of May 2006 or
„Böhmen liegt am Meer ...“ [Bohemia is at the seaside]
… is one of the most famous verses
from Ingeborg Bachmann's poem „Böhmen liegt am Meer". She discusses there the concept and the meaning of home. Ingeborg Bachmann
uses language to denominate the world. The ability of denomination
creates and determines the space of freedom. Nevertheless,
freedom in language does not automatically coincide with
freedom within a society. Moreover, today it has become even
more difficult to develop an understanding of „home", which is not confined to time-honoured traditions, or even to gain a new concept
of home. It is remarkable that the Czechs tend to speak of
„doma", which means „home", if „home" is discussed. Actually that reminds us that we better hear and consider the
messages of our old and new neighbours.
Today, two years after the EU enlargement,
it is even more problematic to believe in the great project
of a peaceful, solidary and joint „home" that is concerned with the needs and interests of all inhabitants. The decline
of social security, aggressive internal economic policies
and restrictive external trade policies are dominating Europe.
The various right- wing and conservative tendencies in „old" Europe, the predominant racism that is propagated by fundamentalists who only
pretend to act according to European principles, the collapse
of trade-union structures in Austria and the helpless efforts
of current politics as a consequence of the economic crisis
in the new member states are just a few examples of this
development. American political scienctists predict that
the weakening of the European Community will cause a collapse
of our community of nations up to the twenties of our century.
On the other hand the resistance to
the new employment law in France, the results of the elections
in Italy which were even welcomed by the middle classes and
by big-time business, or the efforts concerning the integration
of so-called illegal immigrants in Spain indicate that a
development into another direction is not only possible but
actively pursued.
At this point we have to pose the
question: Can poetry constitute relief for anybody in such
a complicated, conflict-ridden and rapidly changing world
of the 21st century? Can poetry offer comfort? Can poetry
reveal a perspective?
We believe: Yes! Because poetry can
make people think about their environment, because poetry
can help to understand the world and life to a greater extent,
because poetry can open the doors to new thoughts and ideas,
because poetry can cause the scattering of the dark clouds
above us.
That is the reason why we ask you
and ourselves again in the new year of „Epoema - Das europäische
Gedicht" [Epoema - The european poem]: What do you consider your home? Ingeborg Bachmann
spoke about her „Böhmen am Meer" [Bohemia at the seaside]. What do you think?
 Anfang Januar 2006
Auch im Jahr 2006 wollen wir Epoema
als Beitrag zu einer gemeinsamen und solidarischen Entwicklung
der Europäischen Gemeinschaft fortsetzen. Die kontroversen
Diskussionen über die Verfassung der EU oder den Beitritt
der Türkei legen die Vermutung nahe, dass die Entwicklung
der Europäischen Union nicht immer in Richtung der Suche
von Gemeinsamkeiten geht und auf eine gleichberechtigte Partizipation
einzelner Länder abzielt.
Um einem sinnvollen Konzept von Europa gerecht werden zu können, ist es von
großer Wichtigkeit, gemeinsame länderübergreifende Projekte zu forcieren und
zu unterstützen. Doch so wie die Mühlen der EU manchmal langsam mahlen, sind
auch wir mit begrenzten Ressourcen konfrontiert. Daher erscheinen auf unserer
Website ab dem 2. Januar 2006 unsere Lyrikbeiträge statt wie bisher wöchentlich
alle 14 Tage.
Epoema – Das europäische
Gedicht
January 2006
In the year 2006 we would like to continue our project Epoema, since we consider
it a contribution to the joint and solidary development of
the European Community. The controversial discussions concerning
the EU-constitution and the joining of Turkey are just a
few indications that the development of the European Union
is not always aimed at the equal participation of various
states. To achieve the aim of a suitable concept of Europe
it is important to innitiate and to support international
projects. However, the mills of the EU sometimes grind slowly
and likewise we are also confronted with restricted ressources.
Therefore from the 2nd of January onwards we publish a new
poem every two weeks instead of weekly on our website.
Epoema - The european poem

Der 1. Mai 2005
Natürlich war das Ergebnis der beiden Referenden über die neue EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden für überzeugte EuropäerInnen zwar widersprüchlich, aber es kam auch nicht überraschend. Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Bevölkerung, die unter den negativen Auswirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik und der Globalisierung leidet, ihrem Unmut Luft macht.
Das Gefühl, dass europäische Politik von den Großen und Mächtigen gemacht wird und das daraus naturgemäß eine Politik für die Großen und Mächtigen folgt, täuscht ja nicht.
Dass sich in die Ablehnung auch reaktionäre
und nationalistische Töne mischen, ist bedauerlich, aber ebenso unvermeidlich. Bei der Beschneidung
der Rechte des europäischen Parlaments und der verfassungsmäßigen Festschreibung der völligen Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank darf man sich nicht wundern, dass der Widerspruch quer durch
alle geistigen Strömungen geht. Immerhin ist Europa der Geburtsort der Aufklärung, der Abkehr vom monarchistischen Zentralstaat, und gilt als ein Hort der
Demokratie.
Die beiden Abstimmungsergebnisse
werden uns aber nicht davon abhalten, sondern vielmehr ermutigen,
weiter über ein mehrheitsfähiges und sinnvolles Konzept von Europa nachzudenken, DichterInnen zu Wort kommen
zu lassen und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen.

The 1st of May 2005
Actually the results of the two referendi concerning the
EU-constitution in France and in the Netherlands were controversial
from the perspective of convinced Europeans, nevertheless,
they constituted no surprise. It was only a question of
time that the population, who suffers from the negative
consequences of the current economic policy and of globalisation,
would utter its dissatisfaction. The conclusion that EU-policy
is made by those who hold the power and that this consequently
leads to a policy that privileges the powerful is obvious.
It is regrettable that the rejection
of such developments also includes reactionary and nationalistic
tendencies but this seems unavoidable. Considering the restriction
of the rights of the European Parliament and the constitutional
definition of the independence of the European Central Bank
the predictable protests now voiced by various intellectual
parties were long overdue. To understand this reactions it
has to be remembered that Europe was the birthplace of the
Enlightenment, of the rejection of monarchy and centralism
and it is still considered a stronghold of democracy.
Nevertheless, the results of the two
votes will not hinder but encourage us to contemplate a meaningful
concept of Europe, which satisfies the majority of its members,
and to give a voice to poets who can reveal a perspective
for the future.

Der 1. Mai 2004 ...
... ist mehr als ein schönes Datum: der historische Tag der
ArbeiterInnenbewegung und nun auch der Stichtag für die große
Erweiterung der Europäischen Union. Länder und ihre BewohnerInnen,
die durch die politischen und wirtschaftlichen Katastrophen des
zwanzigsten Jahrhunderts künstlich getrennt waren, sind nun
wieder nähergerückt.
Wir haben guten Grund zu feiern: Nun besteht in Europa eine wesentlich
bessere Chance auf eine gemeinsame, solidarische und verantwortungsbewusste
Entwicklung, getragen von über 400 Millionen Menschen mit
Jahrtausenden Jahren verwandter Geschichte und Kultur. Die neuen
Länder nicht nur „aufzunehmen", sondern sie in
einem neuen, großen Ganzen willkommen zu heissen, bedeutet
auch für uns, bis jetzt im Westen Europas Lebende, eine Chance,
historische Entwicklungen und politische Positionen zu überdenken
und Perspektiven zu entwickeln, die über die nächsten
Tage hinausreichen. Darüber hinaus sollen aber auch jene Länder
Europas berücksichtigt werden, deren EU-Mitgliedschaft in
noch unbestimmter Zukunft liegt, deren kulturelle, soziale und
politische Einflüsse auf die bereits zugehörigen Staaten,
bedingt vor allem auch durch die nicht selten in ihnen lebenden
und/oder arbeitenden ImmigrantInnen, und somit auf die gesamt-euopäische
Entwicklung jedoch immer größere Bedeutung erlangen.
Einerseits haben wir also guten Grund zu feiern, andererseits
wäre es sehr kurzsichtig, die Ungleichverteilungen und Spannungen
innerhalb der Europäischen Union und ihre Beziehungen und
Verantwortungen auch gegenüber dem größeren Rest
der Welt und allen Lebewesen zu übersehen und den weiteren
Gang der Geschichte der „großen Politik" und der
globalisierten Wirtschaft zu überlassen.
Ein uralter Weg, die menschlichen Gedanken und Anliegen anzusprechen,
steht uns als täglich mit Literatur Arbeitenden natürlich
sehr deutlich vor Augen, insbesondere in ihrem Ausdruck in lyrischer
Form.
Diese Seite soll deshalb der Auseinandersetzung mit den aktuellen
Chancen und Problemen und den Beiträgen – vor allem
unserer LeserInnen – gewidmet sein.
Epoema – Das europäische Gedicht
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The
1st of May, 2004
… is more than just a nice date: The historical day of the
labour movement as well as the due date of the European Union's
major enlargement. Countries and their residents who have been
separated from each other due to political and economic disasters
of the twentieth century are now approaching again.
We do have a reason to celebrate: Now at last the chances for
a common, unified and responsible development, borne by over 400
million people sharing millenniums of related history and culture,
are getting substantially better in Europe. Not just to "assimilate" the
new countries but to welcome them to a great, new whole will give
us - the ones having lived in Western Europe so far - the chance
to reconsider historical developments and political positions as
well as to grow perspectives that outreach the next couple of days.
On top of that, we should also take those countries into account,
whose EU-membership has not yet been achieved, whose cultural,
social and political influences on the current member-states, very
often determined by numerous immigrants living and/or working there,
as well as on the all-European development are nevertheless getting
more and more important.
So on the one hand we have a reason to celebrate, and on the other,
it would be very short-sighted to ignore the unequal distributions
of wealth, tensions within the European Union and its relations
and responsibilities towards the greater part of the world, the
beings within it, and to leave the further course of history to "major
politics" and globalised economies.
The time honoured tradition of developing human thoughts and concerns
through the medium of print, and especially through ways of expression
in lyrical forms, is for us something we work with on a daily basis.
Therefore this site shall be dedicated to the preoccupation with
current chances and problems as well as with the contributions
of our readers in particular.
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