Der 1. Mai 2007 ...
… „Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns
liegen die Mühen der Ebene."
(Bert Brecht)
Wir verwenden immer wieder
ganze Sätze, Redewendungen oder Aussprüche bekannter
oder weniger bekannter Lyriker und Lyrikerinnen in
unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Die „Mühen der
Ebene" von Bert Brecht aus seinem Gedicht „Wahrnehmung" gehören auch dazu, und der Verfasser dieser Zeilen hat diesen Satz auch schon
als Untertitel für ein Buch verwendet.
Diese Zeile aus dem Gedicht
von Bert Brecht wird oft im Zusammenhang mit konkreten
Aktionen und gesellschaftlichen Problemen gebraucht,
sei es im Diskurs über Demokratisierung und Regionalisierung
oder bei der Beschreibung unseres Bildungssystems und
notwendiger Maßnahmen zu seiner Verbesserung. Meistens
geht es darum, den erreichten Standard einer Entwicklung
festzuhalten, und darauf hinzuweisen, dass noch mehr
zu tun bleibt. „Es ist noch viel zu tun, packen wir's
an." Nicht unähnlich dem Motto: „Fürchtet Euch nicht." Sie sehen, auch dies ein Bruchstück aus der literarischen Erinnerung eines Landes.
Wenn Brechts Zeile verwendet
wird, sind die Absichten in der Mehrzahl der Fälle
sicher ehrenhaft und die Motivation verständlich. Was
dabei allerdings viel zu oft vergessen wird, ist der
inhaltliche und politische Zusammenhang von Brechts
Worten mit der Politik, der Kultur und der gesellschaftlichen
Entwicklung der DDR und der Geschichte der beiden deutschen
Länder nach 1945. Dieser Bereich wird meiner Ansicht
nach mehr oder weniger bewusst ausgeklammert. In diesem
Falle wohl noch stärker als bei vielen anderen Versatzstücken,
die losgelöst von ihrer ursprünglichen Bedeutung in
unserer Umgangssprache weiterleben.
Warum sollten diese Worte
für uns heute immer noch wichtig sein? Oder besser:
Warum ist Brecht für uns heute noch wichtig? Weil die
Geschichte nach 1945 mit dem Fall der Berliner Mauer
und mit dem Niedergang des „real existierenden Sozialismus" nicht ihr Ende gefunden hat, so wie es uns die Theoretiker und Praktiker der
Globalisierung glauben machen wollen.
Was wir heute sehen, sind
mehr als nur die unvermeidlichen Schattenseiten dieser
Globalisierung oder vernachlässigbare negative Randerscheinungen.
Wir sehen ein Europa, in dem immer mehr Menschen ins
wirtschaftliche Abseits geraten, in dem nationale Wirtschaften
dem Diktat des Konzernkapitalismus unterworfen werden
und in dem die freie Entfaltung der Individuen zu einem
persönlichen Hobby derjenigen verkommt, die es sich
leisten können.
Da helfen uns alle gut
gemeinten Reden zum 1. Mai nicht weiter. Das wissen
wir. Aber was hat das alles mit Epoema und dem europäischen
Gedicht zu tun? Weil, und hier verwende ich ganz bewusst
wieder ein großes Wort aus der europäischen Kultur,
der Kopf des Menschen rund ist, damit sein Denken die
Richtung ändern kann (Francis Picabias). Und weiter:
Franz Kafka gibt uns mit seiner Auffassung, dass Literatur
das gefrorene
Meer in uns zerschneiden kann, ein schönes Werkzeug
in die Hand.
Ja, das hat Lyrik mit
Politik und mit Europa zu tun. Und jetzt der Wunsch
und die Einladung an Sie: Schreiben Sie mit, suchen
Sie mit, schneiden Sie mit, machen Sie mit bei Epoema
– dem europäischen Gedicht.
Wolf Peterson
Epoema – das europäische Gedicht
PS: Wie Sie sicher bemerkt
haben, sind die Seiten von „Epoema – das europäische
Gedicht" in letzter Zeit ins Stocken geraten. Wir hoffen, dass sich das möglichst bald
ändern wird, vielleicht mit Ihrer Hilfe?
English version ... coming soon.

Epoema – Das europäische Gedicht wird unterstützt vom Verlag Guthmann-Peterson und seinen literarischen Editionen. |