Gottfried Keller

Gottfried Keller wurde 1819 nahe Zürich geboren. Er studierte zunächst Landschaftsmalerei
in München, bevor er sich der Dichtung zuwandte. Berühmt machten
ihn der Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“, sein Roman „Der
grüne Heinrich“, sowie seine zum Teil deutlich politische Lyrik.
Keller gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen
Realismus. Er starb 1890 im Alter von 71 Jahren in Zürich.
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Frühlingsglaube
Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.
Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück;
Wo einig alle Völker beten
Zum Einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.
Dann wirds nur eine Schmach noch geben,
Nur eine Sünde in der Welt:
Des Eigen-Neides Widerstreben,
Der es für Traum und Wahnsinn hält.
Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren;
Denn lebend wohnt er schon im Grab.

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