
Über das Werk: Das anonyme Heldenepos „Kudrun“ ist neben dem Nibelungenlied das
zweite große Volksepos der mittelhochdeutschen Epoche. Das dominierende
Motiv der harrenden Frau brachte ihm zwar Vergleiche mit Homers
Odyssee ein, liegt jedoch einer Sage zugrunde, die auch in der
jüngeren Edda enthalten ist. Das ungefähr im Zeitraum von 1230-1240
entstandene Werk gliedert sich in drei Teile: den
Hagen-, den Hilde- und den Gudrunteil.
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Wie Gudrun waschen muss
Da ließ sie wieder dienen die böse Gerlind:
Nie durft im Frauensitze ruhn das schöne Kind.
Die man bei Fürstentöchtern, wenn es dem Recht nach ginge,
Immer sollte suchen, die fand man bei Niedern und Geringen.
Mit wölfischem Sinne sprach ihr die Alte zu:
„Nun will ich, daß mir Dienste die Tochter Hildens tu.
Da sie unbesiegbar wähnt den starren Willen,
So muss sie mir dienen und gehorsam mein Geheiß erfüllen.“
Da sprache das edle Mägdelein: „Was ich dienen
mag
Mit Willen und mit Händen bei Nacht und Tag,
Das will ich alles fleißig jederzeit verrichten,
Da mich das Unglück nötigt auf lieber Freunde Nähe zu verzichten.“
Da sprach die böse Gerlind: „Du sollst mein Gewand
Tragen alle Tage hernieder an den Strand
Und sollst es da waschen mir und dem Gesinde,
Und sollst wohl acht haben, daß man dich keine Weile müßig finde.“
Da sprach die edle Jungfrau: „Reiche Königin
So schafft, daß man mich lehre, wie ich mich darin
Anzustellen habe, dass ich Euch wasche Kleider.
Mich soll nicht Wonne laben: so wollt ich denn, Ihr tätet mir noch
leider.“
Da hieß sie einer Wäscherin, mit ihr das Gewand,
Die sie da lehren sollte, tragen auf den Strand.
Nun mußte sie erst dienen mit ängstlichem Harme;
Dem widerstand da niemand: so quälte Gerlind Gudrun die arme.
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