Mosche Nadir

Mosche Nadir (Pseudonym von Jizchok Rajs) wurde 1885 in Naraiew
in Ostgalizien geboren und emigrierte als Jugendlicher in die
USA. 1915 erschien sein erstes Buch mit dem Titel „wilde
rojsn“, das auf Anhieb ein großer Erfolg wurde. Er
verfaßte zahlreiche Essays, Einakter, Dramen und Feuilletons
und starb 1943 in Woodstock.
|
„Rivington Street“ (Auszug)
Sabbat-Abend trifft man sich
bei einem Landsmann.
Den Jüngsten schickt man um ein paar Flaschen Bier.
Nachher liest man einander
die Briefe aus der Heimat vor,
erinnert sich an den Rebben, den Schlächter,
die Frau und die Kinder - - -
Kein süßeres Wort als
„Europa“
gibt’s bei den Juden der Rivington Street.
„Ach, Europa! Europa!“
„Hier ist nicht Europa …“
„Was taugt mir das alles, Reb Henoch?
Europa ist eben Europa
und Amerika ist Amerika …“
„Mit Europa nicht zu vergleichen!“
„In Europa
macht man den Mund auf und atmet …“
- - -
„In Europa, wenn man früh ausgeht,
ist draußen noch früh…
In Europa, will man wo hinfahren –
o. k., fährt man nach Amerika.
Aber in Amerika …?
In Europa ein Stück Fisch
oder ein Trunk vom Brunnen!
In Europa, wenn man ausgeht –
kommt man zurück nach Haus …“
(ca. 1920)

|

|
| Aus: Hakel, Hermann: Jiddische Gedichte,
herausgegeben von Armin Eidherr, Wien: Theodor Kramer Gesellschaft
gemeinsam mit dem Lynkeus Verlag, 2001, S.39 f. |
Übersetzer: Hermann Hakel |
|