Epoema - Das europäische Gedicht, Logo der internationalen Gedichtseite www.epoema.eu
Suche
Home

„Epoema – Das europäische Gedicht" ist eine Initiative für das europäische Gedicht und ein Beitrag zu einer gemeinsamen, solidarischen und friedvollen Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft und „alten“ und „neuen“ Mitgliedstaaten und ihrer Bürgerinnen und Bürger.

Mitarbeit
Kontakt
Unterstützer
Die Medien über Epoema
Termine/Veranstaltungen

11. oktober 2004 – Das europäische Gedicht

Kostas Mondis

Bild: Drei Menschen im Gespräch

wurde 1914 in Ammóchostos (Famagusta) im heute türkischen Teil Zyperns geboren. Er studierte Jura und war außerdem als Journalist und Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften tätig. Darüber hinaus war er der Begründer des Nationaltheaters Zyperns. Gedichte, die er in den 40er und 50er Jahren verfasst hatte, wurden 1962 in Píissi tou Kosta Mondi (Lyrik von Kostas Mondis) und 1963 in Kostas Mondis, Ta tragoúdia tou stin kipriakí diálekto (Kostas Mondis, Seine Lieder in zyprischem Dialekt) zusammengefasst. Ápanta (Gesammelte Werke) wurden in mehreren Bänden von 1987 bis 1999 herausgegeben. Kostas Mondis verfasste auch Erzählungen und darüber hinaus einen Roman (Afendi Batistas und das Übrige). Zu seinen Auszeichnungen zählt u. a. der zyprische Staatspreis für Lyrik, den er 1968 und 1979 erhielt.

Zweiter Brief an die Mutter
9

Mutter, ich habe den Eindruck, mein Brief gerät allmählich
ins Uferlose,
ich habe den Eindruck, der Zusammenhalt, den ich verfolgte,
verflüchtigt sich allmählich,
die Struktur, die ich mir erhoffte, ist allmählich durchbrochen
wie die erschöpften Viererreihen bei den Schulparaden,
wenn sie sich dem Ende nähern
und sie »bff« sagen und ihre Kragen aufknöpfen
und »endlich«,
und sie rennen, um so schnell wie möglich zu ihren täglichen
Beschäftigungen zurückzukehren.
Und im Grunde, wozu hätte es des Zusammenhalts bedurft,
und im Grunde, wozu hätte ich der Struktur bedurft,
wie hätte die Struktur gerettet werden können,
wie hätte die Struktur standhalten können,
wie hätte die Konsequenz standhalten können,
wie hätte die Folge standhalten können,
wie hätte der Zusammenhang standhalten können,
wo doch, wie ich schon sagte, der erstbeste unangemeldet
daherkommt und die Tür aufmacht,
wo sie unangemeldet kommen und die Tür aufmachen
und mir alles durcheinander hereinwerfen,
wo sie unangemeldet wiederkommen und die Tür wieder
aufmachen,
und die Nachricht verbreitet wird,
und wieder andere kommen und wieder andere und ein
wahrer Ansturm stattfindet?
Ich lasse den Zusammenhalt fahren, Mutter,
ich lasse die Struktur fahren, Mutter,
ich lasse die Konsequenz fahren,
es kann keine Konsequenz geben,
so wie ich jetzt für alle spreche
und jetzt für mich,
wie ich jetzt allein bin,
wie ich jetzt mich völlig absondere,
und mich völlig in die Gemeinschaft begebe,
und jetzt mich völlig mir ihr einig erkläre,
wie der kleine verrückte Zweig der Weide,
der im einen Augenblick sich trennt und sich dorthin windet,
und dann hierhin windet,
und »was wollten und klatschten Beifall die Spatzen?«,
wie der kleine verrückte Vogel,
der plötzlich ausbricht und man könnte denken, der fliegt
woandershin,
und man könnte denken, sicher fliegt der woandershin,
und das ist auch gut so,
aber dann im selben Moment plötzlich anfängt sich
zu beeilen, um die anderen einzuholen,
dann hinterher in der Angst, die anderen nicht mehr
einholen zu können,
und du nicht mehr weißt,
ob selbst von diesem zaghaften bereuten Versuch
etwas herauskam
oder ob es jetzt schlimmer ist.

Text Ende

Leider liegen die Texte nicht in allen Sprachen vor.

 

Aus: Hier, wo das Wunder noch wirkt. Stationen der zyprischen Dichtung. Köln: Romiosini Verlag 2000. Den Romiosini Verlag finden Sie hier

Übersetzer: Hans Eideneier  
Copyright Impressum und AGB
Copyright Copyright